INKLUSION

 

Applaus, Applaus – Social Entrepreneurship im Zirkuszelt

Vor dem großen Applaus steht das harte Training. Woche für Woche, Stunde um Stunde. Hart? Mit großem Spaß toben die Kinder durch die moderne Halle in Potsdam-Bornstedt. Mittendrin die Trainer, allesamt ausgebildete Zirkuspädagogen. Ihnen allen gemein ist das Lächeln im Gesicht.

 

Es ist zu sehen und zu spüren, dass die Freude im Vordergrund steht: die Freude an der Bewegung, die an an der Artistik, die Freude am Sport. Dabei zählt nicht die Stoppuhr oder das Maßband. Hier wird ohne den Leistungsdruck, der dem organisierten Sport oftmals innewohnt, Sport getrieben. Natürlich aber dennoch mit einem großen Ziel, nämlich dem der großen Aufführung im Zirkuszelt. Dann können die Kinder – und auch die Trainer – den Eltern, Freunden und Klassenkameraden zeigen, was die vielen Übungseinheiten gebracht haben. Und dann darf auch der Applaus eingeheimst werden.

 

Den haben sie sich verdient, fraglos. Die mehr als 280 Kinder, die in der Jakob-von-Gundling-Straße trainieren. Von Dienstag bis Freitag, ab 16:00 Uhr bis in den Abend – Akrobatik, Jonglage, Einrad, Diabolo und Devilstick und und und. Doch nicht nur die Trainingshalle entspricht höchsten Ansprüchen, die Strukturen, die der Circus Montelino in Potsdam aufgebaut hat sind höchst professionell und leben dennoch von dem persönlichen Einsatz aller. Den Eltern, die sich im Verein einbringen, dem Engagement der Trainer, dem Elan der Geschäftsführung. Sie werden zum Teil bezahlt, doch wer von diesem Entgelt leben will, benötigt für seine eigene Lebensführung ein ebenso idealistisches Weltbild wie für sein Engagement im Kinderzirkus.

„Unser Ziel ist es, ein ‚Zirkusdorf‘ zu errichten – einen Ort für professionelle sozialpädagogische und kulturelle Inklusionsarbeit, …“

Der Circus Montelino, vor fast 20 Jahren aus der Idee einer Mitarbeiterin im Hort der Montessori-Oberschule in Potsdam entstanden, ist heute auch ein Beispiel für Social Entrepreneurship. „Unser Ziel ist es, ein ‚Zirkusdorf‘ zu errichten – einen Ort für professionelle sozialpädagogische und kulturelle Inklusionsarbeit, einen Ort für sozialraumnahe Vernetzung und Begegnung ohne Ausgrenzung“, heißt es auf der Website von Montelino.

 

Schon früh haben die Akteure durch Mitarbeit der Eltern gelernt, PR- und Pressearbeit für sich zu nutzen, Aktionen zu gestalten, sich um Lobbyarbeit zu kümmern. Heute besitzt Montelino ein eigenes Zirkuszelt, das für Veranstaltungen gemietet werden kann und das vielfältig auch von anderen sozialen oder kulturellen Einrichtungen genutzt werden kann. Und wenn, wie im Jahr 2017, das Zeltdach einen bevorstehenden Umzug nicht zu überstehen droht, dann werden Spendenaufrufe über Betterplace gestartet.

Die Geschäftsführung hat gelernt, flexibel zu reagieren und dennoch das „Gesamtunternehmen“ wachsen zu lassen. Die Lernprozesse aber dauern an, trotz aller Professionalität. Periodisch wiederkehrend kommt es im Verein zu Diskussionen über die Ausrichtung, wie mit dem Wachstum umgegangen werden soll. Soll es gestoppt werden, um sich nicht als Unternehmen begreifen zu müssen? Oder soll weiter expandiert werden?

 

Schon lange kooperiert der Circus Montelino mit Schulen, initiiert Schul-AG‘s, erfüllt seine pädagogischen Visionen. Mehr als 600 Kinder werden im Jahr von den Angeboten erreicht. Im neuen Potsdamer Stadtteil Bornstedt hat der Circus – umgeben von unzähligen Neubauten, in denen viele junge Familien ihr Zuhause gefunden haben – eine wichtige Anlauffunktion. Im Dezember 2015 wurde der Tochtergesellschaft, der Zeltpunkt Montelino gGmbH, die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe ausgesprochen. Damit ist die letzte Hürde genommen, an einem festen Standort, mit einem festen zusätzlichen Gebäude, mit offener Kinder- und Jugendarbeit beginnen zu können.

 

Ohne Mitarbeiter im Hauptamt sind solche Entwicklungen nicht zu bewältigen. Für ein Projekt mit dem Anspruch des Circus Montelino („Unsere Zirkusarbeit ist auf Teambildung, Vertrauen und Fairness ausgerichtet. Der Fokus wird dabei vom Konkurrenzverhalten weg, hin zu wechselseitiger Ergänzung, zum Miteinander und zu gegenseitiger Wertschätzung gelegt.“) ist das bisher ein Drahtseilakt. Im Rahmen eines Austauschprogrammes mit einer Bank – Zirkusakrobatik für Mitarbeiter gegen Beratungsleistung – stellte ein Coach getreu gelernter Analysetechniken die Frage nach der Selbstausbeutung der Mitarbeiter. Aber, was hat rein effizientes Zahlendenken mit dem Herzblut von Menschen zu tun, die dort arbeiten, wo das Motto gilt: „Träume gestalten – Welten entfalten“?

 

Für die „Profis“ von Montelino jedoch gilt tatsächlich auf dem Weg zwischen sozialen Unternehmertum und reinem Ehrenamt zu balancieren. Eine Herausforderung, die völlig andere Problemstellungen mit sich bringt, als ein Projekt zum Laufen zu bringen. Das Ziel haben sie aber vor Augen: den Applaus für die Kinder, jedes Jahr im Sommer aufs Neue. Im Zirkuszelt in Potsdam, dort wo Träume wachsen.

Autor

Gerd Graus

Projekt

Kinder- und Jugendcircus Montelino Potsdam e.V.

Ort: Potsdam

Thema: Zirkuspädagogik

Gründung: 2002

Ansprechpartner: Bileam Tröger

Geschäftsführung

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