Geflüchtete und Parkour

Foto: Nino Herrlich Photography

INTEGRATION

 

„Die Halle“ – Parkour erobert lässig die Hamburger Hafencity

Das ideale Spielfeld für ihren Sport ist nur zwei Kilometer entfernt, am anderen, westlichen Ende der Hamburger Hafencity – jede Menge Beton, Treppen, Galerien, schiefe Ebenen. Und ein staunendes Publikum: daran fehlt es rund um die berühmte, weil spektakulär schöne und teure Elbphilharmonie zu keiner Zeit. „Man hat sich da an uns gewöhnt“, sagt Sebastian „Batte“ Ploog, 31, mit einem leicht ironischen Lächeln.

 

Ploog sitzt in den schön renovierten Backsteinhallen eines einstigen Güterbahnhofs, gleich südlich des Hamburger Hauptbahnhofs, am anderen Ende des großen Stadtentwicklungsprojekts auf nicht mehr benötigten Hafenflächen. Der Schuppen nennt sich jetzt recht unbescheiden „Die Halle“ – und ist auf vielen Ebenen bemerkenswert.

 

Der äußerst entspannte Sebastian Ploog ist Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins „Parkour Creation e.V“, der diese junge Sportart namens Parkour nachhaltig in der Hafencity verankert hat. Man scheut den Begriff „Trendsport“ – es ist im Grunde einer, mit rasant steigender Bekanntheit, aber die „Traceure“, wie die Sportler sich nennen, sind an Trends, Marketing und Moden herzlich uninteressiert. Stattdessen wollen sie ihre Halle zu einem sozialen und kulturellen Begegnungszentrum machen, in Schulen, auf Straßenfesten und überhaupt „kreative Potentiale“ entfalten und mit anderen teilen. Klingt anspruchsvoll, ist aber, aus der Nähe betrachtet, sehr glaubwürdig.

 

Parkour ist, in der einfachsten Definition, die Bewegung im öffentlich Raum. Hindernisse werden in einem „run“ elegant, scheinbar mühelos überwunden. Tänzerische Elemente sind darin, Turnen auf spektakulärem Niveau, und fortgesetzte Mutproben – im urbanen Raum, der von den Traceuren mit einer etwas provokanten Lässigkeit erobert wird, gibt es ja keine Matten und Polster.

„Mit Überzeugung hereingehen, und sich sagen: ich schaffe es.“

Anders in der „Halle“: Auf 800 Quadratmetern türmen sich Kästen, Barrieren, Hindernisse aller Art, unterlegt von Matten. Auf dem Weg von A nach B ist alles erlaubt und nichts von vornherein uncool – aber natürlich üben viele in der Halle auf Salti und Schrauben hin, auf Hechten und Halten in einer möglichst flüssigen und eleganten Sequenz. Aber: jeder wie er kann und möchte. Kein Wettbewerb, kein Urteil. „Der Lauf ist Ausdruck der eigenen Persönlichkeit“, sagt Ploog. Auf vielgeklickten Youtube-Videos sieht es aus wie bei choreographierten Verfolgsszenen in Actionfilmen, womit fortgeschrittene Traceure wohl tatsächlich ein Zubrot verdienen.  Filmreife Höchstleistung steht in der „Halle“ aber nicht im Mittelpunkt.

 

„Wir haben hier keine ausgeprägte Szene“, sagt „Batte“ Ploog, „sondern eine bunte Mischung.“ Auf Nachfrage ist er zu einer genaueren Einordnung bereit: „Hip-Hop bis Nerd.“ Viele Jugendliche sind dabei – Ploog hat seine Masterarbeit über Parkour im Schulsport geschrieben. Zu gefährlich? „Man lernt Risikoabwägung“, sagt er. Blaue Flecken gibt es wohl, schwere Verletzungen aber weniger als beim Fußball.

 

Das Angebot der „Halle“ wird weltweit verstanden, das in Frankreich entwickelte Parkour hat schnell geografische und kulturelle Grenzen übersprungen. Die Parkour-Athleten in Gaza etwa sind weltbekannt, ihre Artistik über Ruinen und Kratern zeugt von der widerständigen Seite des Sports. Zwei syrische Flüchtlinge sind inzwischen als Trainer und Helfer in Hamburg angestellt, „weil sie sowieso immer da waren“. Für den gemeinnützigen Verein ist Integration kein alleiniges, aber doch ein wichtiges Ziel. Seit 2016 sind sie Stützpunktverein des Deutschen Olympischen Sportbunds im Bereich Integration durch Sport.

Foto: Olaf Janko

Wie sie es geschafft haben, ist beinahe so bemerkenswert wie das, was sie tun. Es begann 2014 mit dem Gewinn einer Ausschreibung der Hafencity-Entwickler, um Teil eines „Kreativquartiers“ zu werden – eine mutige Wahl, denn die städtische Gesellschaft hat sich mit der „Halle“ kritische und vielleicht unbequeme Mitstreiter in ihr Projekt geholt. Eine Mischung aus Fördermitteln, Stiftungszuschüssen und Crowdfunding führte, gegen viele Hürden und Widerstände, zur Eröffnung im Herbst 2017.  Schon für Pre-Openings gab es tausende Anmeldungen. Etwa 25 Mitarbeiter sind dabei, das Netzwerk von ehrenamtlichen Helfern beziffert Ploog auf etwa 100 Personen.

 

Der Parkour-Sport selbst liefert die passende Metapher für Erfahrungen und Ratschläge. „Den vielen Hindernissen nicht ausweichen, sondern sie elegant und effizient überwinden“, sagt Sebastian Ploog, „mit guter Vorbereitung, natürlich.“ Auch die passende innere Haltung spiegelt sich im Sport: „Mit Überzeugung hereingehen, und sich sagen: ich schaffe es.“

Autor

Raimund Witkop

Projekt

Parkour Creation e.V.

Ort: Hamburg

Thema: Integration

Gründung: 2014

Ansprechpartner: Sebastian Ploog

Vorsitzender

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