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„wirmachenwelle“ – Die Kraft der Wellen

Morgenstimmung, der Strand ist noch leer. Das Meer glitzert von den ersten Sonnenstrahlen, die sich über dem Horizont hervor tasten, die Luft ist frisch und klar. Ein paar Züge paddeln, ein tiefer Atemzug, unter der Welle durchtauchen und weiter paddeln, weiter auf das Meer hinaus. Langsam baut sich draußen die nächste Welle auf, wächst und durchbricht schließlich tosend die morgendliche Stille. Ist die nächste Welle die „richtige“? Oder doch lieber noch abwarten?

Geduld und Ausdauer gehören zum Surfen wie Neopren und Surfboard, ebenso das Lesen der Wellen, ein Verständnis für das Meer. Die Erfahrung kommt mit der Zeit, anfangen kann eigentlich jeder. Und die Sache mit der Geduld und der Ausdauer bringt einem der Sport quasi als Zugabe bei. Das kann nicht nur nicht schaden, sondern ist ein Grund, warum Surfen auch gerne als echte Schule fürs Leben angesehen wird.

Sebastian Steudtner hat die Faszination des Surfens in Frankreich kennengelernt und ist später auf Hawaii zum Big Wave Surfen gekommen – es hat ihn nicht mehr losgelassen. Heute ist er einer der besten und erfolgreichsten Big Wave Surfer der Welt und zudem Weltrekordhalter für die höchste jemals gesurfte Welle mit 26,21 Metern. Mit dem Projekt „wirmachenwelle“ möchte er etwas von den wertvollen Erfahrungen weitergeben, die er selbst gemacht hat – zunächst ganz persönlich und später auch beim Besuch verschiedener Surf-Projekte im Rahmen seiner Tätigkeit als Botschafter der Laureus Sport for Good Stiftung.

Der endgültige Auslöser für die Gründung von wirmachenwelle e. V. ist rückblickend aber wohl die Email eines Lehrers, der seit langem mit seinen Förderschülern ein jährliches Surf Camp abhält und Sebastian einfach anschrieb. Neugierig geworden nahm er den Kontakt auf und begleitete die Arbeit des Pädagogen ein Jahr lang. Die Erfahrungen aus dieser Zeit bestärkten ihn in der Idee, eine eigene Initiative ins Leben zu rufen.

„Surfen und Sport lehren uns viele grundlegende Werte: Sich ein Ziel zu setzen, durchzuhalten, fair zu sein und Respekt sich selbst und anderen gegenüber zu entwickeln. Ich habe wirmachenwelle gegründet, weil ich genau diese Werte an Jugendliche weitergeben möchte.“

Eine große Familie

Johanna Steudtner ist Sebastians Schwester und wird 2017 mit ihm Gründerin des Vereins. Heute ist sie, die davor international in der Entwicklungszusammenarbeit tätig war, als geschäftsführende Vorständin verantwortlich für die Organisationsentwicklung. Sie startete mit dem Surfen später als ihr Bruder und weniger leistungsorientiert, die Liebe zum Sport ist aber ebenso stark und so ergänzen sich die beiden perfekt in ihrem Vorhaben.

„wirmachenwelle e. V. fördert Kinder und Jugendliche mittels sportbezogener erlebnispädagogischer und therapeutischer Programme, schafft Teilhabechancen und gibt ihnen einen sicheren Ort, an dem sie ihre persönlichen Ressourcen ausschöpfen können.“

Unterstützt werden Sebastian und Johanna von einem engagierten Kernteam sowie zahlreichen Ehrenamtlichen, die aus Überzeugung und oft aufgrund eigener Erfahrungen mit dabei sind. Sie eint die Leidenschaft fürs Surfen, das vielen von ihnen selbst schon in schwierigen Zeiten Halt gegeben hat. Im Gegensatz zu anderen Projekten mangelt es Sebastian und Johanna so zumindest nicht an helfenden Händen. Surfen verbindet eben, ist mehr Familie als Pflicht.

Inhaltlich hat sich der Verein große Ziele gesteckt und verfolgt sie zielstrebig – projektmäßiges Big Wave Surfing quasi. Gearbeitet wird in drei Richtungen:

  • Sport- und erlebnispädagogische Projekte für Kinder und Jugendliche
  • Forschung zur Wirkung von Surftherapie
  • Vernetzung und Kooperation für die Surftherapie in Deutschland und Europa

Was heißt das genau?

Ganz praktisch

Bereits 2018 setzte wirmachenwelle e. V. das erste soziale Sportprojekt mit Pilotschulen in Hamburg und Nürnberg um, unter dem Namen „Wellenzimmer“ folgten weitere Schulkooperationen. Für das Programm „Surf’s up“ arbeitet der Verein außerdem mit Trägern der Jugendhilfe zusammen.

Von Anfang an war klar, dass wirmachenwelle und seine Projekte nachhaltig wirken sollen, das heißt das Team möchte dauerhaft etwas verändern und bei den Teilnehmenden eine Entwicklung ermöglichen. Dafür braucht es Zeit – Zeit und Begleitung über ein reines Surf Camp hinaus.

Beide Programme arbeiten daher grundsätzlich in zwei Phasen:

1. Vorbereitung

In wöchentlichen Sporteinheiten bereiten die Kinder sich auf das Surfen vor. Dazu nutzt wirmachenwelle Sportarten, die ähnliche Skills erfordern, aber auch in der Stadt umgesetzt werden können – es liegt ja leider nicht jede Stadt am Meer. Die Kinder und Jugendlichen üben sich also unter anderem in Schwimmen, Stand-Up-Paddling, Selbstbehauptung oder Slacklining. Und auch die mentale Vorbereitung kommt nicht zu kurz, denn Surfen (wie das Leben) erfordert beispielsweise Geduld, Durchhaltevermögen und den Glauben an sich selbst, um über sich hinauszuwachsen und seine Ziele zu erreichen. Hier kommen beispielsweise Atemübungen, Gesprächskreise und Reflexionsrunden zum Einsatz.

2. Surf Camp

Eine Woche Surf Camp an der Nordsee erwartet die Kinder und Jugendlichen zum Abschluss ihres Programms – eine Woche, in der es endlich aufs echte Meer geht und sie surfen lernen, gepaart mit umweltpädagogischen Aktivitäten und viel Spaß.

Die Projekte laufen mindestens ein halbes Jahr, gerne länger. Doch damit nicht genug: Ziel ist es, die Kinder auch weiterhin zu begleiten und den Kontakt zu halten. In Berlin gibt es daher inzwischen ein offenes Angebot mit wöchentlichen Treffen, in denen gemeinsam Sport betrieben wird und das viel Raum für Austausch bietet: Social Surfers Berlin.

„Trau Dich, Du selbst zu sein. Für Dein Ziel zu kämpfen. Steh für Deinen Glauben und Deine Bedürfnisse ein. Im Sport und im Leben gibt’s ganz oft Momente, wo wir uns trauen müssen zu springen.“

Und auch theoretisch

Hat Surfen sogar einen therapeutischen Aspekt? Sebastian, Johanna und ihr Team sind davon überzeugt, ebenso wie viele weitere Menschen und Organisationen weltweit.

In Deutschland ist man noch nicht ganz so weit. Aber wie cool wäre es, wenn eine Surftherapie allgemein anerkannt wäre und die positiven Effekte auf diese Weise so viel mehr Kindern und Jugendlichen zugänglich wären? Allein das Meer bewirkt schon viel – unter anderem stärkt das Wasser unser Immunsystem und das enthaltene Magnesium hemmt die Ausschüttung von Stresshormonen. Wenn nun noch die Bewegung und die Anforderungen des Surfens dazukommen – wie zum Beispiel Ausdauer, Konzentration und Selbstwahrnehmung – dann ist doch eigentlich alles klar, oder?

Surfen tut auf vielen Ebenen gut, das kann man wohl sagen, aber ab wann kann man es wirklich als Therapie ansehen? Um hier von Meinungen und Ideen loszukommen und stattdessen fundiert argumentieren zu können, muss das Konzept wissenschaftlich und unabhängig betrachtet werden. Kein „könnte helfen“, sondern ein ganz klarer Beleg. Ein Weg, der in Deutschland noch gegangen werden muss, und für den sich wirmachenwelle e. V. stark macht. Und da tut sich was!

Im Rahmen einer zweijährigen Pilotstudie untersucht die Kinder- und Jugendpsychatrie am Universitätsklinikum Freiburg seit Mai 2022 eine neue Behandlungsmöglichkeit für depressive Jugendliche – eine Kombination aus Surf-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. wirmachenwelle e. V. begleitet die Studie, organisiert die Surfcamps und unterstützt damit einen wichtigen Schritt der Entwicklung, die irgendwann in der offiziellen Anerkennung und Etablierung von Surftherapie enden soll.

Gemeinsam stärker

Dass dies eine Herzensangelegenheit ist, merkt man im Gespräch schnell. Da verwundert es auch nicht, dass das Team sich Verstärkung gesucht und gefunden hat: Im September 2021 gründete wirmachenwelle gemeinsam mit The social Surf Club aus Hamburg, Wellenbezwingen aus Köln und Riverflow aus Wien den surf.and.health „Dachverband für Surftherapie“.

Es mangelt also nicht an Ideen und nun kann es hoffentlich auch wieder mit voller Kraft weitergehen, nachdem die Corona-Pandemie etwas abflaut. Für den Verein war diese Zeit – wie für so viele andere – extrem herausfordernd, aber auch eine Zeit, sich aufzustellen, Prozesse neu zu gestalten, Ziele zu definieren, sich zu digitalisieren und sich um die Finanzierung zu kümmern. Denn wie so oft bei großartigen Projekten und Vereinen, ist letzteres ein ständig aktuelles Thema, das für hohen administrativen Aufwand und Planungsunsicherheit sorgt – trotz inzwischen großer Förderer.

Wie geht es weiter?

Derzeit wir ein neues Projekt mit Geflüchteten in Berlin aufgebaut, die Finanzierung des offenen Angebots in Berlin ist inzwischen gesichert. Außerdem muss das Programm aus 2022 evaluiert werden, ganz im Sinne der Nachhaltigkeit und Qualität des Angebots. Und perspektivisch steht natürlich im Herbst wieder die große Corona-Frage im Raum. Wie wird es werden? Wie kann das Team sich darauf vorbereiten? Können die geplanten Projekte überhaupt umgesetzt werden oder wird es wieder Online-Lösungen geben müssen? Viele Fragezeichen und Unsicherheiten, auf die das Team sich so gut wie möglich vorbereiten wird – Schritt für Schritt, Welle für Welle. Mit Selbstvertrauen, Durchhaltevermögen, Teamgeist, Fairplay und Respekt.

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